10h rot – Entwicklung des 91. Markenfeldes der 4. Druckplatte
Die 10h rot (POFIS Nr. 5) war zusammen mit der 5h hellgrün (3) die erste Marke der neu entstandenen Tschechoslowakei, ausgegeben am 18. Dezember 1918 (der eigentliche Druck begann am 16. 12. 1918). Die Literatur nennt eine Auflage von mehr als 110 Millionen Stück; nur 1 % der Auflage wurde amtlich im Maß 11½ (D, Linienzähnung) perforiert.
Wegen der Buchdrucktechnik, bei der mehr oder weniger jedes Markenfeld eines Bogens zu 100 Marken praktisch ein Original ist, kommt eine große Zahl von Fehlern vor. Einige auffällige Plattenfehler wählte Dr. Kubát für die Monographie der tschechoslowakischen Briefmarken (1968) aus – die sogenannten monographischen Fehler.
Einer von ihnen ist die beliebte „Uhr“ auf dem 91. Markenfeld der 10h rot. Es handelt sich um einen Fehler des Negativs, also der ersten Phase der Herstellung der Druckplatte – die „Uhr“ finden Sie deshalb auf allen 4 Druckplatten dieses Wertes.

Während des Druckes wurde beschlossen, diesen weißen Fleck auf allen 4 Platten zu retuschieren. Die Monographie sagt, dass die Vertiefung bei der ersten Platte mit Metall ausgegossen wurde; bei der zweiten und dritten wurde die Vertiefung teilweise mit Metall ausgefüllt und durch Zusammendrücken der beiden Türme ausgeglichen. Dieser Artikel beschreibt die Entwicklung der Retusche auf der vierten Druckplatte. Dr. Kubát schreibt, der Fehler sei nur durch starkes Zusammendrücken der Türme beseitigt worden, was diese zu einer Scherenform verformte.

Aus meiner Sicht ist dieses Vorgehen unmöglich – im Bereich der ersten beiden Türme ist nicht genug Metall vorhanden, damit der Schereneffekt entstehen könnte. Ich persönlich meine, dass die ganze Fläche der ersten beiden Türme des Doms ausgeschnitten und ein neues Stück mit der Gabel, also die Retusche, eingesetzt wurde. Zu dieser Überlegung führt mich auch der Umstand, dass die Strahlen links von und über dem ersten Turm in der Gabelvariante deutlich kürzer sind und die Türme sie nicht berühren. Marken mit dem Plattenfehler wie auch mit der Retusche in Gabelform kommen verhältnismäßig häufig vor.


Anders als die Monographie führt der POFIS-Katalog 2 Varianten der Retusche ohne weitere Erklärung an; die Gabel ist dort Retusche Nr. 2. So sieht die Retusche Nr. 1 nach diesem Katalog aus („Hacke“):

Das Vorkommen einer Marke mit dieser Variante ist sehr selten. Handelt es sich aber überhaupt um eine Korrektur – eine Retusche? Ist es nicht eher eine Beschädigung der ursprünglichen Retusche in Gabelform? Details der ersten beiden Türme von mehreren Exemplaren:





Hier ist die Entwicklung des gesamten Bereichs um die ersten beiden Türme des Doms deutlich zu sehen. Meiner Ansicht nach handelt es sich nicht um eine weitere Retusche, sondern um eine Entwicklungsphase der ursprünglichen Gabel – der einzigen Retusche, die auf 91/IV ausgeführt wurde. Die Entwicklung ging jedoch weiter: Mit der Beanspruchung der Platte brach ein Teil des bei der Retusche eingesetzten Stücks ab und verformte sich:

Bisher habe ich nur drei Exemplare mit dieser Form der Beschädigung gesehen. Ich nehme an, dass es sich um eine Phase aus dem Druck der letzten Bogenmenge handelt. Möglicherweise existieren auch Marken aus einer Phase, in der das eingesetzte Stück ganz aus der Platte herausbrach und die Türme im Druck fehlen.



Alle Entwicklungsphasen des Bereichs des ersten und zweiten Domturms auf 91/IV:










Ich bin für konstruktive Kommentare und andere Vorschläge dankbar, wie die Entwicklung dieser interessanten Marke ausgesehen haben könnte.